Clemens Holzmeisters Weg nach Ankara / Clemens Holzmeister und die staatliche Repräsentationsarchitektur der Türkei

Wilfried Posch, Bernd Nicolai

Der Fachbereich Baugeschichte::Bauforschung der Technischen Universität Wien und das IVA – Institut für Vergleichende Architekturforschung laden Sie in Kooperation mit der Fatih Sultan Mehmet Vakıf Üniversitesi und dem Yunus Emre Enstitüsü – Türkisches Kulturzentrum Wien im Rahmen der Vortragsreihe “Development of Turkish Architecture“ herzlich zu folgendem Doppelvortrag ein:

Zeit: 25.06.2015, 18:00 Uhr

Ort: Technische Universität Wien; Hörsaal 7 – Schütte-Lihotzky Hörsaal, Stiege VII, Erdgeschoß; Karlsplatz 13, 1040 Wien

Wilfried Posch
Clemens Holzmeisters Weg nach Ankara

Clemens Holzmeisters beruflicher Werdegang beginnt im ersten Jahrzehnt des 20. Jh. mit dem Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Wien. Der Vortrag widmet sich den Erfahrungen und beruflichen Erfolgen Holzmeisters in der Architekten- und Lehrtätigkeit in Wien und Innsbruck während der Jahre vor dem ersten Weltkrieg bis 1927. Der Gewinn des 3. Preises im Wettbewerb für eine Feuerbestattungsanlage auf dem Wiener Zentralfriedhof 1921 mit anschließender Beauftragung und Realisierung des umstrittenen Projektes macht ihn durch die ablehnende Berichterstattung landesweit bekannt. Das Krematorium begründet Holzmeisters Ruf als Architekt und führt 1924 zur Berufung an die Akademie der bildenden Künste in Wien. 1927 folgt Holzmeister der Einladung nach Ankara zu einer Audienz beim Kriegsminister der Türkei. Im gleichen Jahr werden erste Berichte über eine Berufung des Architekten an die Kunstakademie in Düsseldorf bekannt. Die Jahreswende 1927/28 leitet für Holzmeister einen neuen Lebensabschnitt ein. Die Gleichzeitigkeit der Schritte ins Deutsche Reich und in die Türkei steht in Wechselbeziehung. Die Erfolge da fördern seine Stellung dort. In jenen Jahren entsteht der „Nimbus Holzmeister“, er überschreitet Grenzen in kultureller, künstlerischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht, die für seine physischen und psychischen Kräfte eine harte Probe bedeuten. Seine Tätigkeit findet in ganz Europa Beachtung.

Wilfried Posch, em. O. Univ.-Prof. Dr. techn. habil., bis 2008 Leiter der Lehrkanzel für Städtebau, und Raumplanung an der Universität für Gestaltung in Linz, Rektor-Stellvertreter 1996 – 2000, Schüler und langjähriger Mitarbeiter Roland Rainers, korresp. Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung in Berlin, Vizepräsident des Österreichischen Nationalkomitees ICOMOS, Architekt, Gutachter, Autor, rund 100 Veröffentlichungen über Städtebau, Umweltgestaltung und biografische Studien, darunter 2010 das Buch: Clemens Holzmeister Architekt zwischen Kunst und Politik.

Bernd Nicolai
Clemens Holzmeister und die staatliche Repräsentationsarchitektur der Türkei-Überlegungen zu einer transplantierten Moderne


Als „Zeichen geordneter Macht“ hat Holzmeister sein Regierungsviertel für die neue Hauptstadt der Türkei Ankara bezeichnet. Diese für ihn neue Bauaufgabe konnte er mit der ihm eigenen Sicherheit im Maßstab und in der Materialbeherrschung lösen, aber auch durch größtmögliche Einfühlung in die Auftraggeber Kemal Atatürk und seinen Verteidigungsminister. Dabei ging es um die Repräsentation des neuen Staates als autoritäres, nationalistisch ausgerichtetes Regime bei gleichzeitiger Widerspiegelung der radikalen Modernisierung dieses Staatswesens. Holzmeister schuf eine moderne Form des Regierungsforums, das im Zusammenhang mit einer Reihe anderer Entwürfe stand und zeitgleich im faschistischen Italien größten Niederschlag fand. Der Vortrag möchte die Genese dieser „strengen Moderne“ aufzeigen und sie im Kontext des Oeuvres von Clemens Holzmeister und anderer Konzeptionen diskutieren.

Bernd Nicolai (geb. 1957) ist Kunsthistoriker und seit 2005 Ordinarius für Architekturgeschichte und Denkmalpflege am Kunsthistorischen Institut der Universität Bern. Nach dem Studium in Mainz, Göttingen und Berlin/FU lehrte und forschte er an der TU Berlin, der ITÜ Istanbul, University of Edinburgh, der Universität Trier und jüngst auch an der Tongij Universität Shanghai. Seine Forschungsfelder umfassen das frühe und hohe Mittelalter, Kultur- und Transferprozesse der Moderne seit der Aufklärung, Exilforschung sowie Entwicklungen der Gegenwartsarchitektur unter den Bedingungen der Globalisierung. Er ist gegenwärtig Mitglied der Synergia Projektgruppe (Bern/Köln): The Interior: Art, Space and Performance (Early Modern to Postmodern) und Gastwissenschaftler an der FU Berlin.